Neuer Trend für die Behandlung von Diabetes

07.11.2015 Zahlreiche Wirkstoffe stehen für die Behandlung von Typ- 2-Diabetes zur Verfügung. Es zeichnet sich ein klarer Trend zur individualisierten Therapie ab.

Wesentliche Fortschritte gelangen erst Anfang dieses Jahrhunderts: Sowohl langwirksame Basal-Insuline als auch kurzwirksame Mahlzeiten-Insuline ermöglichen eine bessere Einstellung der Blutzuckerwerte, ohne dass die Gefahr für Unterzuckerungen stieg. Weitere Verbesserungen brachten Medikamente, welche die Wirkung oder die Verfügbarkeit des Darmhormons Glukagonlike-Peptide-1 (GLP-1) erhöhen, und Medikamente, welche eine Zuckerausscheidung über den Urin, sogenannte SGLT-2-Inhibitoren, herbeiführen.
Mit vermehrtem Einsatz der neuen Therapieoptionen erweiterten sich die Therapieziele, so dass neben der Senkung erhöhter Blutzuckerwerte heute auch Gewichtsneutralität oder Gewichtsabnahme, deutliche Reduktion der Gefahr für Unterzuckerungen und auch die Patientenzufriedenheit mehr im Fokus stehen.
In den letzten Jahren gewann das erhöhte Risiko für bestimmte Krebserkrankungen bei Diabetes an Aufmerksamkeit. Ferner zeigte sich bei einer großen Studie, dass eine zu aggressive Blutzuckerregulierung zu einer erhöhten Sterblichkeit führt. Daraufhin veranlassten amerikanische und europäische Fachgesellschaften ein Positionspapier, das die Individualisierung der Therapie fordert und Faktoren wie Alter des Patienten, Dia- betesdauer und das Ausmaß von kardiovaskulären Vorerkrankungen bei Planung und Durchführung der Therapie berücksichtigt.Das erste Konzept zielt auf zwei Punkte ab. Zum einen soll die körpereigene Insulinproduktion so lange wie möglich aufrechterhalten werden. Wenn diese einbricht durch ein Absterben und/oder einen Funktionsverlust der insulinproduzierenden Betazellen, wird es zunehmend schwieriger, die Balance zwischen einer guten Blutzuckereinstellung und der Vermeidung von Unterzuckerung zu erreichen. Hierfür scheinen Metformin und eine frühe Insulintherapie geeignet; GLP-1-wirksame Therapien und SGLT2-Inhibitoren zeigen auch erste Hinweise für einen Schutz der Betazellen. Zum anderen sollen frühestmöglich nach Ausbruch der Krankheit niedrige Blutzuckerwerte erreicht werden, da sich ansonsten ein sogenanntes
‚schlechtes Blutzuckergedächtnis‘ aufbaut. Man geht davon aus, dass unter hohen Blutzuckerwerten irreversible Gefäßschäden eintreten. Auch hier hat sich vor allem der Einsatz von Metformin, GLP-1-wirksamen Therapien und SGLT2-Inhibitoren bewährt.
Das Konzept ‚Pathophysiology-based therapy‘ beinhaltet ebenfalls mehrere Unterpunkte: Erstens soll man bei der Therapie versuchen, einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken, wobei die Substanzklassen GLP-1- und SGLT2-Inhibitoren große Vorteile zeigen. Zweitens scheinen Patienten mit Typ-2-Diabetes, die eine nichtalkoholische Fettleberhepatitis haben, hinsichtlich der Blutzuckerstoffwechsellage und der Lebererkrankung von dem Präparat Pioglitazon zu profitieren. Schließlich unterstützen SGLT-2- Inhibitoren eine Gewichts- und Blutdruckreduktion und wirken positiv auf die Niere und das Gefäßsystem. Ein SGLT-2-Inhibitor konn- te jüngst in einer Studie bei Patienten mit einem sehr hohen kardiovaskulären Risikoprofil eine Abnahme der kardiovaskulären Mortalität um 38 Prozent zeigen.
Diese Daten belegen, dass sich die Personalisierung der Therapie auch bei Diabetes schon bald in der Praxis etablieren wird. Neue Therapiekonzepte werden die Behandlung des Diabetes-Typ 2 effektiver und sicherer machen.
Auszug aus Diabetes in Deutschland Verlagsspezial der
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH

Professor Dr. med. Norbert Stefan, Medizinische Abteilung IV, Universitäts- klinikum Tübingen und Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Helmholtz Zentrums München an der Universität Tübingen.

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