Noch Etwas zum Reizdarm

27.06.2015 Reizdarmsyndrom“ ist ein Begriff für ein schweres Krankheitsbild

Reizdarmsyndrom“ ist ein Begriff für ein schweres Krankheitsbild, dessen Ursache noch nicht vollständig geklärt ist. In die „Psychoecke“ stellt man die Betroffenen aber heute nicht mehr. Von Nicola von Lutterotti Starke Durchfälle, schmerzhafte Blähungen und Unterleibskrämpfe: solche Beschwerden können so belastend sein, dass sich die Betroffenen kaum noch aus dem Haus wagen. Liegt den Symptomen keine anderweitige Krankheit zugrunde, erhalten sie meist das Etikett „Reizdarmsyndrom“. Eher vage, umfasst dieser Begriff unterschiedliche Störungen, deren Wurzeln noch weitgehend im Verborgenen liegen. Schätzungen zufolge dürften in den Industrieländern rund zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung daran leiden. „Bei dreißig bis vierzig Prozent der Betroffenen geht die Störung mit Durchfällen einher, bei einem vergleichbar hohen Anteil mit Verstopfung und bei den Übrigen mit beidem“, sagt der Gastroenterologe Peter Layer vom Israelitischen Krankenhaus in Hamburg, der federführende Autor der einschlägigen medizinischen Leitlinien. In Forscherkreisen stößt das Reizdarmsyndrom inzwischen auf steigendes Interesse. Denn wie aus einer wachsenden Zahl von Untersuchungen hervorgeht, handelt es sich dabei nicht etwa um eine hypochondrische Befindlichkeitsstörung, wie früher gemeinhin angenommen, sondern um ein organisches Leiden. „Sicherlich, mitunter sind die Beschwerden auch psychosomatischer Natur“, sagt Layer. Bei der Mehrzahl der Betroffenen sei dies aber nicht der Fall. Dass diese dennoch oftmals in die „Psychoecke“ gestellt werden, hat einen wesentlichen Grund: Bis jetzt lässt sich das Reizdarmsyndrom noch nicht sicher nachweisen. Es gibt allerdings aussichtsreiche diagnostische Ansätze. Hierzu zählt eine Charakterisierung der im Darm wohnenden Bakterien. Es bestehen auffallende Unterschiede zwischen der Darmflora von Gesunden und jener von Reizdarm-Patienten. Solche mikrobiellen „Fingerabdrücke“ könnten sich dazu eignen, das Reizdarmsyndrom zuverlässiger als bis jetzt möglich zu diagnostizieren. Hierfür sprechen die Ergebnisse einer Untersuchung von Wissenschaftlern aus Skandinavien und der Schweiz („Alimentary Pharmacology and Therapeutics“, doi:10.1111/apt.13236). Bislang basiert die Diagnose auf eher schwammigen Parametern, und zwar den Beschwerden des Patienten einerseits und der Abwesenheit sonstiger Erklärungsmöglichkeiten andererseits. Was die Entstehungsursachen eines Reizdarmsyndroms angeht, konnten in den letzten Jahren merkliche Fortschritte erzielt werden. Nach wie vor unklar ist gleichwohl, welche Rolle die Ernährung dabei spielt, ja ob sie überhaupt von Bedeutung ist. Zwar wird sie vielfach als die treibende Kraft dargestellt, doch gibt es für solche Behauptungen keinerlei Belege. Angesichts des enormen Leidensdrucks der Betroffenen sind einschlägige Kuren und Beratungen freilich ein ausgesprochen lukratives Geschäft. Wenig Zweifel bestehen andererseits daran, dass bestimmte Lebensmittel die Beschwerden zum Teil nachhaltig verstärken. „Welche dies im Einzelfall sind, lässt sich aber oft nur schwer ermitteln“, räumt Layer ein. Manchen Betroffenen komme der Verzicht auf Speisen, die zu einer starken Gasbildung im Darm führen, jedoch sehr zugute. Solche Wirkungen besitzen viele kurzkettige Kohlehydrate und Zuckeralkohole, darunter Fruchtzucker (Fruktose), Milchzucker (Laktose) und Zuckeraustauschstoffe wie Mannit und Sorbit. Zusammengefasst unter dem Begriff Fodmap – die Abkürzung steht für Fermentierbare Oligosaccharide (Mehrfachzucker), Disaccharide (Zweifachzucker) und Monosaccharide (Einfachzucker) sowie Polyole (Zuckeralkohole) –, sind solche gasfördernden Kohlehydrate und Zuckeralkohole in etlichen Lebensmitteln enthalten. In größeren Mengen verzehrt, erzeugen Fodmap-reiche Lebensmittel freilich auch bei Gesunden teilweise starke Blähungen. Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom ruft die hierdurch bedingte Dehnung der Darmwand jedoch sehr viel stärkere Schmerzen hervor. Einer der Gründe für die größere Empfindlichkeit der Betroffenen könnte sein, dass deren Darmwand über ein dichteres Nervennetz verfügt. Das legen zumindest die Erkenntnisse von Forschern um Giovanni Barbara von der Universität in Bologna („Gastroenterology“, doi:10.1053/ j.gastro.2015.01.042) nahe. Schon früher war den Wissenschaftlern aufgefallen, dass sich in der Darmschleimhaut von Reizdarm-Patienten ungewöhnlich viele Entzündungszellen befinden, und zwar in unmittelbarer Nähe zum darmspezifischen Nervensystem. Je größer dabei die Zahl der betreffenden Immunzellen und je geringer deren Abstand zu den Nervenfasern, desto häufiger und heftiger wurden die Betroffenen von Bauchschmerzen geplagt. Wie die Forscher jetzt entdeckten, setzen die Entzündungszellen größere Mengen eines Wachstumsfaktors frei, der das Aussprossen neuer Nervenfasern stimuliert und die Schmerzwahrnehmung erhöht. Die Reizdarm-Patienten wiesen zugleich ein um fünfzig Prozent dichteres Nervennetz in der Darmwand auf als die gesunden Probanden. Was die Entzündungszellen dazu veranlasst, vermehrt in die Darmwand einzudringen, geht aus der Untersuchung nicht hervor. In Betracht kommen unter anderem Durchfallerkrankungen. Denn infektiöse Magen-Darm-Erkrankungen können die Entstehung eines Reizdarmsyndroms nachweislich begünstigen. Wie groß diese Gefahr ist, haben Wissenschaftler um Viola Andresen von der Universität Hamburg-Eppendorf kürzlich bei 608 Männern und Frauen, die im Jahr 2011 an einer schweren E.-coli-Infektion erkrankt waren, untersucht. Übertragen von verseuchten Gemüsesprossen, hatte der Ehec-Keim damals mehr als 3800 Personen angesteckt und rund 50 Todesopfer gefordert. Wie Andresen und ihre Kollegen berichten, war bei zehn Prozent der Patienten bereits vor Ausbruch der Epidemie ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert worden. Sechs Monate danach lag der Anteil an Betroffenen dann bei 24 Prozent und ein Jahr später bei 25 Prozent, war also nicht zurückgegangen („United European Gastroenterology“, doi: 10.1177/ 2050640615581113). Anders als zunächst vermutet, hatte die Erkrankungsschwere keinen Einfluss auf das Risiko, ein Reizdarmsyndrom zu erleiden. „Als bedeutsam erwiesen sich in anderen Untersuchungen psychische Faktoren, darunter vor allem Depressionen und Ängste“, sagt der Psychosomatiker Bernd Löwe vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, einer der Autoren der Studie. „Solche Personen haben nach einer Infektion vermutlich ein sehr viel höheres Risiko für ein Reizdarmsyndrom als psychisch unbelastete Männer und Frauen.“ Auch reagierten sie meist empfindlicher auf die Darmbeschwerden. Denn sie hörten mehr in sich hinein und nähmen Regungen daher als bedrohlicher wahr. Damit eine Therapie Aussicht auf Erfolg habe, müssten die Patienten lernen, mit der Störung zu leben. „Oft hilft es schon, wenn ich ihnen sage, sie seien nicht allein, es gebe etliche Personen mit solchen Beschwerden. Gelingt es ihnen, ihren Fokus weg von den Darmbeschwerden hin zu Aktivität und Bewältigung zu verändern, werden die Symptome oft unwichtig. Das erlebe ich immer wieder.“ Wie sich ferner gezeigt hat, ist die Darmwand von an Durchfällen leidenden Reizdarm-Patienten ungewöhnlich durchlässig. Auch scheint sie empfindlicher auf die Wirkung von Stresshormonen zu reagieren und mitunter Antikörper gegen körpereigene Eiweißstoffe zu enthalten. Wie diese Beobachtungen verdeutlichen, verbergen sich hinter dem Begriff Reizdarmsyndrom sehr unterschiedliche Störungen. Es gibt daher auch keine Therapie, die allen Betroffenen gleichermaßen hilft. Das gilt auch für die Ernährung. „Bevor sie einen Arzt aufsuchen, haben die Betroffenen meist schon alle möglichen Diäten ausprobiert“, sagt Layer. „Einige davon, darunter eine Fodmap-arme Diät, sind extrem einschneidend, ausgesprochen einseitig und beeinflussen zudem die Zusammensetzung der Darmflora.“ Welche Folgen dies für die Gesundheit habe, sei noch ungewiss. Kein Zweifel besteht zugleich daran, dass die rund 100 Billionen Darmbakterien beim Reizdarmsyndrom eine entscheidende Rolle spielen. Die besten Belege dafür sind: Wird der Darm gereinigt, wie dies im Vorfeld einer Darmspiegelung üblich ist, haben viele Betroffene eine Zeitlang keine oder deutlich geringere Beschwerden. Und umgekehrt schädigt eine Behandlung mit Antibiotika die natürliche Darmflora und erhöht zugleich das Risiko für ein Reizdarmsyndrom. Auf unterschiedlichen Wegen versucht man daher, den Darm mit gesundheitsfördernden Bakterien zu besiedeln. Ein solcher Ansatz besteht darin, die Patienten mit Probiotika zu behandeln. Unklar ist aber noch, welche Bakterien sich am besten für eine solche Therapie eignen, wie viele man jeweils anwenden muss und ob man die Probiotika direkt in den Darm applizieren sollte oder auch als Tablette verabreichen kann. Ein weiteres, nur selten eingesetztes Verfahren ist die sogenannte Stuhl-Transplantation. Verabreicht über eine Sonde oder mit dem Endoskop, werden dabei verdünnte und gefilterte Kotproben eines gesunden Spenders, oft eines Familienangehörigen, in den gereinigten Darm des Betroffenen eingebracht. Die Erfolge sind mitunter erstaunlich. Belegt wurde die Wirksamkeit bislang allerdings erst bei wiederkehrenden Infektionen mit Clostridien, hartnäckigen Durchfallerregern. Layer mahnt allerdings zur Zurückhaltung. „Denn bislang wissen wir noch nicht, was wir dabei genau tun.“ Worauf der Hamburger Gastroenterologe anspielt: Einige Beobachtungen nähren den Verdacht, dass Darmbakterien unter anderem auch Krankheiten übertragen könnten – und zwar nicht nur Infektionen, sondern auch Stoffwechselstörungen wie Übergewicht und Diabetes. So wurde berichtet, dass eine zuvor schlanke Person nach der Behandlung mit dem Stuhl eines dicken Spenders übergewichtig wurde. Deshalb kommt die Fäkaltherapie bislang nur für Patienten in Frage, bei denen alle anderen Therapieversuche gescheitert sind. Was das Spektrum an Medikamenten anbelangt, verfügt man bis jetzt nur über einen Arzneistoff, der eigens zur Behandlung von Patienten mit Reizdarmsyndrom zugelassen ist – wenngleich nur für solche, die an Verstopfung leiden: Linaclotid, ein aus vierzehn Aminosäuren zusammengesetztes Peptid. Eine halbe Stunde vor dem Essen in Kapselform eingenommen, besitzt dieses Mittel die gleiche Wirkung wie körpereigene Botenstoffe, die bei Nahrungszufuhr die Verdauung anregen. Über mehrere Zwischenschritte – darunter die Aktivierung von Rezeptoren, die zu einer Anreicherung des Signalmoleküls cyklisches Guanosinmonophosphat (cGMP) in den Darmzellen führen – erhöht Linaclotid die Ausscheidung von Flüssigkeit in den Darm und beschleunigt so die Stuhlpassage. Dabei kommt es häufig zu einer Linderung der Beschwerden. Rund die Hälfte der Betroffenen spricht auf Linaclotid an. Zu den häufigsten Nebenwirkungen einer solchen Therapie zählen Durchfälle. Weithin zugelassen, ist Linaclotid hierzulande seit dem vergangenen Jahr nicht mehr auf dem Markt, denn bei den Preisverhandlungen konnten sich die gesetzlichen Krankenkassen und der Hersteller nicht einigen. Über internationale Apotheken kann der Wirkstoff, der im Monat etwa 100 Euro kostet, aber weiterhin bezogen werden. Quelle FAZ

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